Wundheilungs­phasen

Jede Wunde heilt nach demselben biologischen Grundmuster. Der Prozess läuft in mehreren aufeinanderfolgenden Phasen ab, die ineinander greifen und sich teilweise überlappen. Sofort nach der Verletzung setzt die Heilung ein: zuerst Blutstillung und Reinigung, danach Aufbau neuen Gewebes, am Ende eine monatelange Reifung (vgl. Singer/Birnbaumer 2025). Verschiedene Bereiche einer Wunde befinden sich dabei oft gleichzeitig in unterschiedlichen Phasen. Gerät dieser Ablauf ins Stocken, droht der Übergang von einer akuten in eine chronische Wunde, also eine Wunde, die trotz fachgerechter Versorgung nicht innerhalb von acht Wochen abheilt (vgl. Bode et al. 2022).

Die drei Phasen der Wundheilung

  1. Exsudationsphase (Reinigungsphase): Direkt nach der Verletzung wandern Abwehrzellen ins Wundgebiet ein. Sie beseitigen Gewebetrümmer, Schorf, Fremdkörper und Bakterien. Ein Wundödem (Schwellung durch Gewebswasser) bildet sich, begleitet von starker Wundflüssigkeitsabsonderung (vgl. Bode et al. 2022). Belegt und feucht – so sieht die Wunde in dieser Phase typischerweise aus.
  2. Granulationsphase (Aufbauphase): Nach abgeschlossener Reinigung füllt sich der Gewebedefekt auf. Neue Blutgefäße bilden sich. Fibroblasten (Bindegewebszellen) starten schon innerhalb von 48 Stunden mit der Kollagenproduktion (Kollagen ist das Stützprotein des Gewebes) (vgl. Singer/Birnbaumer 2025). Der Körper repariert aktiv. Granulationsgewebe (frisches, gut durchblutetes Füllgewebe) erscheint rot und körnig am Wundgrund.
  3. Epithelisierungsphase (Wundschluss): Epithelzellen (Hautzellen) wandern vom Wundrand zur Mitte und verschließen die Wunde. Bei chirurgisch versorgten Wunden entsteht bereits innerhalb von zwölf bis vierundzwanzig Stunden eine erste Schutzbarriere gegen Wasser und Keime (vgl. Singer/Birnbaumer 2025). Die Wundfläche schrumpft sichtbar.

Wundheilungsformen

Nicht jede Wunde heilt gleich.

  • Primäre Wundheilung: Glatte, eng anliegende Wundränder (z. B. nach einer Operation) heilen rasch mit wenig Narbengewebe.
  • Sekundäre Wundheilung: Offene, klaffende oder infizierte Wunden heilen von innen nach außen durch schrittweisen Gewebeaufbau.
  • Tertiäre Wundheilung: Zunächst offen gelassene Wunden werden nach Abklingen einer Infektion nachträglich verschlossen.

Störfaktoren

Lokale und systemische (den gesamten Körper betreffende) Einflüsse können die Heilung bremsen.

Lokale Störfaktoren (vgl. Bode et al. 2022):

  • Infektionen im Wundgebiet.
  • Schlechte Durchblutung des umliegenden Gewebes.
  • Austrocknung des Wundgrundes.
  • Fremdkörper in der Wunde.
  • Zugspannung an den Wundrändern.

Systemische Störfaktoren betreffen den Allgemeinzustand (vgl. Bode et al. 2022):

  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit).
  • Mangelernährung.
  • Immunsuppression (geschwächte Abwehr).
  • Hohes Lebensalter.
  • Gefäß- und Gerinnungsstörungen.
  • Bestimmte Medikamente wie Kortikosteroide oder Zytostatika (Krebsmedikamente).

Stockt die Heilung, zeigen sich typische Warnsignale für eine Chronifizierung (vgl. Riedl/Storck 2021):

  • Anhaltende Entzündung ohne Besserungstendenz.
  • Biofilm (schützende Bakterienschicht auf der Wundoberfläche).
  • Nekrosen (abgestorbenes Gewebe).
  • Fibrose (narbige Verhärtung).

Wundheilungsphasen in der Wundversorgung

Wer Wunden versorgt, arbeitet mit einem laufenden Prozess statt mit einem statischen Befund. Phasengerechtes Vorgehen bestimmt jede Entscheidung über Verbandwahl und Behandlung.

Während der Exsudationsphase gilt es, den Abfluss von Wundflüssigkeit zu sichern und den Wundgrund feucht zu halten. In der Granulationsphase steht der Schutz des frisch gebildeten Gewebes an erster Stelle, denn mechanische Störungen verzögern den Aufbau. Bei der Epithelisierungsphase muss die zarte neue Hautschicht bewahrt werden.

Débridement (Entfernen von abgestorbenem Gewebe und Belägen) ist Voraussetzung dafür, dass eine stockende Wunde wieder in die Granulationsphase eintreten kann. Die Methoden reichen von autolytisch (feuchtes Milieu aktiviert körpereigene Enzyme) über chirurgisch bis biochirurgisch (vgl. Bode et al. 2022). Wundsituation und Allgemeinzustand des Patienten bestimmen, welches Verfahren zum Einsatz kommt.

Phasenwissen erleichtert die Wundversorgung erheblich. Wer erkennt, in welchem Abschnitt sich eine Wunde befindet, reagiert frühzeitig auf Chronifizierungszeichen und verhindert den Übergang zur chronischen Wunde.

ICD-10-GM Klassifikation

Wundheilungsphasen sind ein physiologischer Vorgang ohne eigenen Diagnoseschlüssel. Störungen der Wundheilung werden beispielsweise unter folgenden Codes erfasst:

  • T89.0 – Komplikationen einer offenen Wunde (einschl. verzögerte Wundheilung)
  • T81.3 – Aufreißen einer Operationswunde (Dehiszenz)
  • T81.4 – Infektion nach einem Eingriff
  • T81.8 – Sonstige postoperative Komplikationen (einschl. persistierende Fisteln)

Quelle: icd-code.de (2026)

Quellen

Bode, Thilo; Horn, Thomas; Schüning, Andrea (2022): Wundmanagement – Wundversorgung in der täglichen Praxis, Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart/New York, [online] https://www.thieme-connect.de/products/ebooks/html/10.1055/b-0041-183860 [09.03.2026].

Riedl, Stefan; Storck, Martin (2021): Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden und Wundheilungsstörungen – eine Aufgabe für die Chirurgie, in: Passion Chirurgie, Jg. 11, Ausg. 01/02, 25.01.2021, [online] https://www.bdc.de/versorgung-von-patienten-mit-chronischen-wunden-und-wundheilungsstoerungen-eine-aufgabe-fuer-die-chirurgie/ [09.03.2026].

Singer, Adam J.; Birnbaumer, Diane M. (2025): Hautlazerationen, in: MSD Manual Profi-Ausgabe, überarbeitet Mai 2025, [online] https://www.msdmanuals.com/de/profi/verletzungen-vergiftungen/risse-und-sch%C3%BCrfwunden/wunden [09.03.2026].

icd-code.de (2026): ICD-10-GM Codes T89 und T81, [online] https://www.icd-code.de/icd/code/T89.-.html und https://www.icd-code.de/icd/code/T81.-.html [09.03.2026].


Fachliche Information

Dieser Artikel wurde auf Basis medizinischer Primärquellen erstellt und entspricht aktuellen wissenschaftlichen Standards.

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Veröffentlicht: 2026-04-13