
Scherkräfte verschieben verschiedene Gewebeschichten des Körpers in entgegengesetzte Richtungen. Die internationale EPUAP-Klassifikation (European Pressure Ulcer Advisory Panel, europäische Fachgesellschaft für Druckgeschwüre) benennt sie als eigenständigen Faktor bei der Entstehung von Druckgeschwüren: Ein Dekubitus entsteht durch “Druck oder Druck in Verbindung mit Scherkräften” (vgl. Lohmann & Rauscher 2023). Wer Druckverletzungen vorbeugen oder sie behandeln will, muss Scherkräfte als wesentlichen Auslöser verstehen.
Scherkräfte treten auf, sobald die Haut an einer Oberfläche haftet, während das darunterliegende Gewebe in eine andere Richtung gezogen wird. Muskeln und Unterhautfettgewebe verschieben sich gegen die oberflächlichen Hautschichten, die am Untergrund haften bleiben (vgl. Mervis, Phillips 2025). Diese gegenläufige Bewegung quetscht und verdreht Blutgefäße im betroffenen Bereich.
Im Alltag treten Scherkräfte vor allem in drei Situationen auf:
In der Praxis wirken Scherkräfte fast immer gemeinsam mit Druck. Feuchtigkeit durch Schweiß oder Inkontinenz weicht die Haut zusätzlich auf und verstärkt die Schädigung.
Werden Gewebeschichten gegeneinander verschoben, leidet die Durchblutung (vgl. Mervis, Phillips 2025). Gefährdet sind vor allem Stellen über Knochenvorsprüngen: Kreuzbein, Fersen, Trochanter (Hüftknochen). Bleibt die Belastung bestehen, kann sich innerhalb weniger Stunden eine Druckverletzung entwickeln (vgl. Mervis, Phillips 2025).
Besonders tückisch: Tiefe Gewebeschädigungen entstehen an der Grenze zwischen Muskel und Knochen. Die Haut zeigt zunächst nur subtile Zeichen wie violett-bräunliche Verfärbungen oder Temperaturunterschiede, obwohl darunter bereits schwere Schäden vorliegen (vgl. Mervis, Phillips 2025).
Druckgeschwüre betreffen in der deutschen Akut- und Langzeitpflege zwei bis vier von hundert Patienten (vgl. Lohmann & Rauscher 2023). Scherkräfte gehören dabei zu den am häufigsten unterschätzten Risikofaktoren.
Wundexperten müssen Scherkräfte gezielt reduzieren:
Bei Fersendekubitus reicht eine Wechseldruckmatratze allein nicht aus. Die Fersen müssen vollständig freigelagert werden (vgl. Schröder 2023). Mobilisierung bleibt, wo immer möglich, die wirksamste Einzelmaßnahme.
BfArM (2026): ICD-10-GM-2026: L89.- Dekubitalgeschwür und Druckzone, [online] https://www.icd-code.de/icd/code/L89.-.html [03.03.2026].
Lohmann & Rauscher GmbH & Co. KG (2023): Dekubitus – Definition und Entstehung, in: Die Wundzentrale, [online] https://www.diewundzentrale.com/detail/dekubitus-im-fokus [03.03.2026].
Mervis, Joshua S., Phillips, Tania J. (2025): Druckverletzungen, in: MSD Manual Profi-Ausgabe, [online] https://www.msdmanuals.com/de/profi/erkrankungen-der-haut/druckverletzung/druckverletzungen [03.03.2026].
Schröder, Gerhard (2023): Warum gibt es immer noch Dekubitus?, in: Heilberufe, Jg. 75, Nr. 4, S. 12-15, [online] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10068199/ [03.03.2026].
Dieser Artikel wurde auf Basis medizinischer Primärquellen erstellt und entspricht aktuellen wissenschaftlichen Standards.
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Veröffentlicht: 2026-04-14