
Der TILI-Score (Therapeutic Index for Local Infections) ist ein klinisches Bewertungsinstrument, mit dem sich Wundinfektionen frühzeitig erkennen lassen. Ein internationales Expertengremium aus sieben europäischen Ländern hat ihn entwickelt; er liegt in sechs Sprachen vor und richtet sich gezielt an Fachkräfte, die nicht auf Wundversorgung spezialisiert sind (vgl. Dissemond et al. 2020). Genau dort wird eine verlässliche Entscheidungshilfe am dringendsten gebraucht: in der breiten Versorgungsrealität.
Sechs indirekte Kriterien bilden den Kern des Scores: Rötung im Wundumfeld, Schwellung, Wärme, Schmerz, veränderter Wundgeruch und eine ins Stocken geratene Heilung. Keines davon ist für sich allein beweisend. Daneben gibt es direkte Kriterien. Pus (sichtbarer Eiter) oder der Nachweis gefährlicher Keime wie MRSA sprechen unmittelbar für eine Infektion.
Fünf der sechs indirekten Kriterien müssen gleichzeitig vorliegen, damit eine antiseptische (keimhemmende) Behandlung als angezeigt gilt (vgl. Dissemond 2023). Alternativ reicht ein einziges direktes Infektionszeichen. Die hohe Schwelle hat ihren Grund: “Die hier genannten klinischen Symptome sind, einzeln betrachtet, wichtig, aber nicht beweisend für eine Infektion” (Dissemond 2023: 49) – einzelne Zeichen täuschen leicht, ihr gebündeltes Auftreten dagegen liefert Aussagekraft.
Vier Stadien beschreiben, wie Keime eine Wunde belasten (vgl. Dissemond et al. 2025):
Der TILI-Score zielt auf das dritte Stadium. Er soll den Übergang von Kolonisation zu lokaler Infektion rechtzeitig sichtbar machen.
Infektionen früh erkennen. Gezielt behandeln. Unnötige Eingriffe vermeiden. Das leistet der Score im Versorgungsalltag. Bei chronischen Wunden liegt bei bis zu zwei von fünf Betroffenen eine Infektion als Ursache des stockenden Heilungsverlaufs vor (vgl. Dissemond et al. 2025). Strukturiertes Vorgehen verbessert die Heilungschancen spürbar.
Der Score hilft auch, überflüssige Antibiotikagaben zu vermeiden. Antibiotikaresistenzen kosten weltweit rund 1,2 Millionen Menschenleben pro Jahr (vgl. Dissemond et al. 2025). Der TILI-Score bietet eine belastbare Entscheidungsgrundlage und hilft so, unnötige Antibiotikagaben zu reduzieren. Die Wirkung reicht weit über die Einzelwunde hinaus.
Der TILI-Score ist ein diagnostisches Instrument, kein Krankheitsbild. Kodiert wird die zugrundeliegende Erkrankung, beispielsweise:
Quelle: icd-code.de (o.J.): ICD-10-GM L08 – Sonstige lokale Infektionen der Haut und der Unterhaut, [online] https://www.icd-code.de/icd/code/L08.-.html [06.03.2026].
Dissemond, Joachim (2023): Diagnostik und Therapie lokaler Wundinfektionen, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, Jg. 56, Nr. 1, S. 48–52, [online] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9877047/ [06.03.2026].
Dissemond, Joachim; Rembe, Julian-Dario; Assenheimer, Bernd et al. (2025): Systematik, Diagnostik und Therapie von Wundinfektionen chronischer Wunden: Ein Positionspapier von WundDACH, in: JDDG, Jg. 23, Nr. 5, S. 565–575, [online] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12087707/ [06.03.2026].
Dissemond, Joachim et al. (2020): Therapeutic index for local infections score (TILI): a new diagnostic tool, in: Journal of Wound Care, Jg. 29, Nr. 12, S. 720–726, [online] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33320745/ [06.03.2026].
Dieser Artikel wurde auf Basis medizinischer Primärquellen erstellt und entspricht aktuellen wissenschaftlichen Standards.
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Veröffentlicht: 2026-04-13