Quellung

Quellung beschreibt in der Wundversorgung einen Vorgang, bei dem ein Material Flüssigkeit aufnimmt und dadurch sein Volumen vergrößert, ohne sich aufzulösen. Moderne Wundauflagen nutzen genau diesen Effekt: Sobald sie Wundexsudat (Wundflüssigkeit) aufnehmen, quellen sie auf und bilden ein schützendes Gel. Allerdings tritt Quellung auch an der Haut selbst auf. Dann ist sie kein therapeutischer Vorteil, sondern ein Warnsignal.

Quellung bei Wundauflagen

Drei Gruppen von Wundauflagen nutzen das Prinzip der Quellung, jede auf ihre Weise. Eine vierte Gruppe – Hydrogele – arbeitet nach dem umgekehrten Prinzip:

  1. Hydrokolloide bestehen aus einem wasserabweisenden Polymer-Gerüst mit eingebetteten quellenden Substanzen wie Pektin, Gelatine oder Carboxymethylcellulose (ein Gel-bildender Stoff) (vgl. Stoya 2016: 93). Nimmt die Auflage Exsudat auf, quellen diese Partikel und bilden ein zähflüssiges Gel unter dem Verband. Das sieht aus wie eine pralle Blase und zeigt an, dass ein Wechsel fällig ist.
  2. Alginate werden aus Braunalgenfasern gewonnen und quellen durch einen besonderen Mechanismus: Die Fasern tauschen Calcium-Ionen gegen Natrium-Ionen aus dem Wundsekret aus. Dabei wächst ihr Volumen. Innerhalb von zwei bis drei Tagen wandeln sie sich in ein feuchtes Gel um, das Zellreste und Wundsekret einschließt (vgl. Bode/Horn/Schüning 2022). Für die Wunde bedeutet das eine wirksame Reinigung von innen.
  3. Hydrogele funktionieren nach einem anderen Prinzip. Statt Flüssigkeit aufzunehmen, geben sie Feuchtigkeit ab. Sie quellen also nicht. Möglich wird das durch ihren hohen Wasseranteil von bis zu 95 Prozent (vgl. Stoya 2016: 93). Trockene Wunden profitieren davon, weil die Auflage harte Beläge aufweicht. Fachleute nennen diesen Vorgang autolytisches Débridement (Selbstreinigung der Wunde durch körpereigene Enzyme). Die S3-Leitlinie zur Lokaltherapie chronischer Wunden empfiehlt Hydrogele, wenn eine Wunde Befeuchtung braucht, etwa bei trockenen Belägen oder schmerzhafter Austrocknung (vgl. Rüttermann et al. 2013: 27). Hydrogele sind damit das Mittel der Wahl bei trockenen, nicht bei nässenden Wunden.
  4. Superabsorber (Polyacrylat-Auflagen) funktionieren nach dem Prinzip moderner Hygieneartikel: Winzige Kunststoff-Partikel saugen ein Vielfaches ihres Eigengewichts an Flüssigkeit auf und bilden dabei ein formstabiles Gel (vgl. Stoya 2016: 93). Gedacht sind sie für stark nässende Wunden, weil sie große Exsudatmengen sicher binden.

Mazeration – wenn Gewebe quillt

Quellung ist nicht immer erwünscht. Quillt statt der Wundauflage der Wundrand, sprechen Fachleute von Mazeration (Aufweichung durch Flüssigkeit). Die aufgeweichte Haut verliert ihren Schutz, wird verletzlich und bremst die Wundheilung.

Ursache ist meist eine überforderte Wundauflage oder ein zu seltener Verbandwechsel. Der Wundrand steht dann dauerhaft in Kontakt mit Wundflüssigkeit. In der Wundversorgung gilt Mazeration als klares Zeichen für unzureichendes Exsudatmanagement (Wundflüssigkeitskontrolle).

Die richtige Wundauflage wählen

Die Quellfähigkeit einer Wundauflage zählt zu den wichtigsten Auswahlkriterien in der Wundversorgung (vgl. Rüttermann et al. 2013: 28).

Ausschlaggebend ist, wie viel Wundsekret die Wunde produziert:

  • Wenig Exsudat (trockene Wunden): Hydrogele befeuchten und weichen Beläge auf.
  • Mäßiges Exsudat: Hydrokolloide nehmen Flüssigkeit auf und schaffen ein feuchtes Wundmilieu.
  • Viel Exsudat: Alginate und Superabsorber binden große Flüssigkeitsmengen.

Liegt eine Auflage mit zu geringer Quellfähigkeit auf einer stark nässenden Wunde, überfordert das Exsudat das Material. Die Folge: Mazeration. Umgekehrt klebt eine stark quellende Auflage auf einer trockenen Wunde fest. Quellfähigkeit und Wundnässung müssen zusammenpassen.

Quellen

Bode, Thilo; Horn, Thomas; Schüning, Andrea (Hrsg.) (2022): Wundmanagement – Wundversorgung in der täglichen Praxis. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, [online] https://www.thieme-connect.de/products/ebooks/html/10.1055/b-0041-183861 [27.02.2026].

Rüttermann, Mike; Maier-Hasselmann, Andreas; Nink-Grebe, Brigitte; Burckhardt, Marion (2013): Lokaltherapie chronischer Wunden, in: Deutsches Ärzteblatt International, Jg. 110, Nr. 3, S. 25-31, [online] https://www.aerzteblatt.de/archiv/134017/Lokaltherapie-chronischer-Wunden [27.02.2026].

Stoya, Eva-Maria (2016): Verbandstoffkunde, in: DIE PTA IN DER APOTHEKE, 03/16, S. 093-098, [online] https://www.diepta.de/news/verbandstoffkunde [27.02.2026].


Fachliche Information

Dieser Artikel wurde auf Basis medizinischer Primärquellen erstellt und entspricht aktuellen wissenschaftlichen Standards.

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Veröffentlicht: 2026-04-10