
Pruritus (Juckreiz) ist das häufigste Symptom, das von der Haut ausgeht. Gemeint ist eine unangenehme Sinneswahrnehmung, die den Drang auslöst, sich zu kratzen (vgl. Ständer, Weisshaar 2005: 3026). Ursprünglich erfüllt dieses Signal eine biologische Warnfunktion: Es schützt die Haut vor schädlichen Einflüssen (vgl. Düll, Kremer 2024: 597). Hält der Juckreiz länger als sechs Wochen an, stufen Mediziner ihn als chronisch ein. Bis zu ein Fünftel der deutschen Bevölkerung hat chronischen Pruritus mindestens einmal erlebt, aktuell sind über zehn Prozent betroffen (vgl. Düll, Kremer 2024: 597-598).
Nicht immer steckt eine Hauterkrankung hinter dem Juckreiz. Die IFSI-Klassifikation (Internationales Forum zur Pruritus-Erforschung) unterscheidet drei Formen (vgl. Düll, Kremer 2024: 598):
Tritt Juckreiz ohne sichtbare Hautveränderungen auf, liegen oft Erkrankungen innerer Organe vor. Besonders Nieren- und Lebererkrankungen spielen eine Rolle. Bei Dialysepatienten (Patienten, deren Blut maschinell gereinigt wird) leiden rund 40 Prozent unter mittelschwerem bis starkem Juckreiz. Erhoben wurde dieser Wert an einer internationalen Kohorte mit über 35.000 Betroffenen (vgl. Brand, Kremer 2022: 600). Auch Schilddrüsenprobleme, bestimmte Blutkrankheiten oder Medikamente kommen als Auslöser infrage.
Chronischer Juckreiz kann einer Erkrankung monate- bis jahrelang vorausgehen. Bleibt die Ursache zunächst unklar, empfehlen Fachgesellschaften, die Basisdiagnostik nach sechs bis zwölf Monaten zu wiederholen (vgl. Brand, Kremer 2022: 607-608; Düll, Kremer 2024: 604).
Zentrales Merkmal ist der hartnäckige Kratzdrang. Hinzu treten Schlafprobleme, Tagesmüdigkeit und nachlassende Leistungsfähigkeit. In schweren Fällen wurden Zusammenhänge mit Depressionen und Suizidalität beschrieben (vgl. Düll, Kremer 2024: 598).
Besonders tückisch ist der Juck-Kratz-Zirkel: Dauerhaftes Kratzen verursacht Entzündungen, Blutungen und Narben (vgl. DDG 2022). Genau diese Hautschäden lösen ihrerseits wieder Juckreiz aus. Ohne gezieltes Eingreifen entstehen chronische Hautverletzungen, die kaum abheilen.
Wundexperten begegnen Pruritus in zwei Zusammenhängen: als Begleiterscheinung bei Patienten mit chronischen Grundleiden und als lokales Zeichen im Wundbereich selbst.
Der Juck-Kratz-Zirkel hat direkte Konsequenzen. Kratzen in Wundnähe reißt bereits verheilende Haut wieder auf und schafft neue Eintrittspforten für Infektionen. Diesen Kreislauf zu durchbrechen gehört zum Wundmanagement. Gleichzeitig belasten psychosoziale Folgen wie Schlafmangel und sozialer Rückzug die Therapietreue (vgl. DDG 2022).
Berichtet ein Wundpatient von neu aufgetretenem Juckreiz am ganzen Körper ohne erkennbare Hautveränderungen, lohnt ein frühzeitiger Hinweis an den behandelnden Arzt. Chronischer Pruritus kann einer bisher unerkannten inneren Erkrankung vorausgehen.
Brand, M., Kremer, A.E. (2022): Systemischer Pruritus: Was gibt es Neues in Diagnostik und Therapie?, in: Dermatologie (Heidelb), Jg. 73, Nr. 8, S. 600-608, [online] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9358966/ [25.02.2026].
Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) (2022): S2k-Leitlinie chronischer Pruritus: Wenn Jucken chronisch wird, leiden Körper und Seele. Pressemitteilung vom 02.05.2022, [online] https://derma.de/presse/detail/s2k-leitlinie-chronischer-pruritus-wenn-jucken-chronisch-wird-leiden-koerper-und-seele-faecheruebergreifendes-leitsymptom-zahlreicher-erkrankungen [25.02.2026].
Düll, M.M., Kremer, A.E. (2024): Empfohlene Diagnostik bei Pruritus auf primär unveränderter Haut, in: Dermatologie (Heidelb), Jg. 75, Nr. 8, S. 597-605, [online] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11300620/ [25.02.2026].
Ständer, S., Weisshaar, E. (2005): Chronischer Pruritus, in: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 102, Nr. 44, S. 3026-3033, [online] https://www.aerzteblatt.de/archiv/48959/Chronischer-Pruritus [25.02.2026].
Dieser Artikel wurde auf Basis medizinischer Primärquellen erstellt und entspricht aktuellen wissenschaftlichen Standards.
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Veröffentlicht: 2026-04-02