
Offloading bezeichnet sämtliche Maßnahmen, die den mechanischen Druck auf eine wundtragende Stelle am Fuß gezielt verringern. Besonders beim diabetischen Fußsyndrom (DFS) hat diese Druckentlastung eine zentrale Bedeutung: Wunden an der Fußsohle heilen nicht ab, solange sie bei jedem Schritt erneut belastet werden. Ohne konsequente Entlastung bleibt Wundheilung praktisch ausgeschlossen (vgl. Zink, Stumpf, Haak 2023). Der englische Begriff “to offload” lässt sich mit “entlasten” übersetzen.
Das Grundproblem steckt in der diabetischen Polyneuropathie (Nervenschädigung durch Diabetes). Sie zerstört die Schutzfunktion des Schmerzempfindens. Gesunde weichen automatisch aus, wenn eine Stelle am Fuß druckempfindlich wird. Diabetiker mit Polyneuropathie registrieren diesen Warnsignalschmerz nicht mehr (vgl. Eckhard 2023: 865–878). Jeder Schritt traumatisiert die Wunde aufs Neue.
Selbst aufgeklärte Patienten halten ohne äußere Hilfsmittel spontan keine Schonung ein (vgl. Zink, Stumpf, Haak 2023). Externe Druckentlastung wird damit zur Pflicht.
Die Konsequenzen wiegen schwer. Sieben von zehn schwerwiegenden Amputationen oberhalb des Sprunggelenks in Deutschland betreffen Diabetiker. Weniger als die Hälfte der Betroffenen überlebt die folgenden fünf Jahre nach einer solchen Amputation (vgl. Eckhard 2023: 865–878). Das verdeutlicht, was hier auf dem Spiel steht.
Die Internationale Arbeitsgruppe zum Diabetischen Fuß (IWGDF) hat eine klare Rangfolge der Offloading-Verfahren festgelegt (vgl. Zink, Stumpf, Haak 2023):
Erste Wahl: nicht abnehmbare, kniehohe Systeme – TCC (Total Contact Cast, Vollkontaktgips): individuell angepasst, umschließt den Fuß vollständig – Verschlossene fertige Orthesen (Schienen), gesichert mit Klebeband oder Kabelbinder
Zweite Wahl: abnehmbare, kniehohe Systeme – Abnehmbare Orthesen, die Patienten allerdings häufig eigenständig ablegen
Dritte Wahl: knöchelhohe Systeme – Bei Nichtverträglichkeit der kniehohen Varianten
Standard-Therapieschuhe oder halbe Entlastungsschuhe reichen zur Wundheilung nicht aus.
Die Überlegenheit nicht abnehmbarer Systeme ist belegt. Der Vollkontaktgips erzielt eine rund ein Fünftel höhere Heilungsrate als abnehmbare Geräte, weil er rund um die Uhr wirkt (vgl. Li et al. 2023). Abnehmbare Varianten zeigen dagegen deutlich längere Heilungsverläufe, weil Patienten sie nicht konsequent tragen (vgl. Zink, Stumpf, Haak 2023).
Ergänzend setzen Fachleute das sogenannte Abfilzen ein: Filzpolster werden gezielt unter dem Fuß platziert, um den Druck auf die Wundstelle umzuverteilen (vgl. Zink, Stumpf, Haak 2023).
Ohne Druckentlastung ist jede Wundbehandlung vergeblich. Verbandswechsel, Wundauflagen, Spüllösungen: All das wirkt erst, wenn die mechanische Belastung der Wunde tatsächlich unterbrochen ist. Offloading steht deshalb nicht neben der Wundversorgung, sondern bildet deren Grundlage.
Die größte Hürde im Pflegealltag heißt Compliance (Therapietreue). Patienten legen abnehmbare Hilfsmittel ab, sobald die akuten Beschwerden nachlassen oder das Gerät im Alltag als lästig empfunden wird. Compliance bedeutet dagegen, dass sie sich an die Therapiemaßnahmen halten. Wundexperten müssen deshalb erklären, warum Druckentlastung auch ohne Schmerz unverzichtbar bleibt.
Nach abgeheilter Wunde endet die Aufgabe nicht. Fast zwei Drittel der Patienten erleben innerhalb von drei Jahren ein Rezidiv (Wiederauftreten) ihres Ulkus (vgl. Zink, Stumpf, Haak 2023). Dauerhaft angepasstes Schuhwerk mit individuell gefertigten Einlagen schützt vor erneuten Druckschäden. Regelmäßige Fußkontrollen und Schulungen zum richtigen Schuhwerk gehören fest zur Nachsorge. Wundversorger übernehmen dabei eine koordinierende Aufgabe und begleiten den Übergang von der akuten Behandlung zur dauerhaften Prävention.
Eckhard, Michael (2023): Diabetisches Fußsyndrom: Amputationen häufig vermeidbar, in: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 120, H. 19, S. 865–878, [online] https://www.aerzteblatt.de/archiv/231087/Diabetisches-Fusssyndrom-Amputationen-haeufig-vermeidbar [25.02.2026].
Li, Bin, Lin, Aifang, Huang, Jianping, Xie, Jianying, Liu, Quanyong, Yang, Chenxi, Zhang, Zhengmao (2023): Total contact casts versus removable offloading interventions for the treatment of diabetic foot ulcers: a systematic review and meta-analysis, in: Frontiers in Endocrinology, Vol. 14, Article 1234761, [online] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10562689/ [25.02.2026].
Zink, K., Stumpf, J., Haak, T. (2023): Druckentlastung beim diabetischen Fußsyndrom: Vorstellung der aktuellen Leitlinie der International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF), in: Verlag Orthopädie-Technik (Fachportal 360-ot.de), veröffentlicht 4. April 2023, [online] https://360-ot.de/druckentlastung-beim-diabetischen-fusssyndrom-vorstellung-der-aktuellen-leitlinie-der-international-working-group-on-the-diabetic-foot-iwgdf/ [25.02.2026].
Dieser Artikel wurde auf Basis medizinischer Primärquellen erstellt und entspricht aktuellen wissenschaftlichen Standards.
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Veröffentlicht: 2026-04-02