
Der Name führt in die Irre. “Pyoderma” bedeutet wörtlich “Eiter der Haut”, “gangraenosum” klingt nach Gangrän, also nach Gewebetod durch Durchblutungsmangel. Beides trifft nicht zu (vgl. Schmieder, Krishnamurthy 2023). Tatsächlich handelt es sich um eine seltene Hauterkrankung aus der Gruppe der neutrophilen Dermatosen, bei der weiße Blutkörperchen (sogenannte Neutrophile Granulozyten) fehlgeleitet in die Haut vordringen und dort Gewebe zerstören. Chronisch, schmerzhaft, mit hoher Rückfallneigung (vgl. Altmeyer, Bacharach-Buhles 2025).
Das Immunsystem reagiert falsch: Neutrophile Granulozyten reichern sich übermäßig in der Haut an, lösen dort Entzündungen aus und schädigen gesundes Gewebe. Warum genau das geschieht, ist bis heute nicht restlos verstanden.
Besonders tückisch ist der sogenannte Pathergieeffekt. Selbst winzige Hautverletzungen, ein Insektenstich oder ein operativer Eingriff genügen, um eine neue Wunde entstehen zu lassen oder eine vorhandene drastisch zu verschlimmern (vgl. Schmieder, Krishnamurthy 2023). Für Wundversorger und Chirurgen hat das weitreichende Konsequenzen.
Bei rund der Hälfte der Betroffenen liegt zusätzlich eine andere Erkrankung vor, die Pyoderma gangraenosum begünstigt: am häufigsten chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, seltener rheumatische Erkrankungen oder Erkrankungen des Blutbildungssystems (vgl. George, Deroide, Rustin 2019: 224–228). Die Hauterkrankung signalisiert also oft eine dahinterliegende Immunstörung.
Zu Beginn zeigen sich schmerzhafte rote Flecken oder Bläschen. Innerhalb weniger Tage entwickeln sie sich zu tiefen, großflächigen Geschwüren. Ein typisches Merkmal ist der unterminierte (von innen unterhöhlte) Wundrand mit violett-rötlicher Verfärbung, der als diagnostisch wegweisend gilt (vgl. George, Deroide, Rustin 2019: 224–228).
Die Schmerzen sind ausgeprägt. Bevorzugt treten die Geschwüre an den Unterschenkeln auf. Ein praktisch relevanter Hinweis: Verschlechtern sich Wunden nach einer Behandlung oder nach einer Biopsie (Gewebeentnahme) statt abzuheilen, spricht das für den Pathergieeffekt und lenkt den Verdacht auf Pyoderma gangraenosum (vgl. Altmeyer, Bacharach-Buhles 2025).
Wer diese Erkrankung nicht (er)kennt, behandelt sie falsch. Der Pathergieeffekt dreht einen Grundsatz der Wundversorgung um: Débridement (das Abtragen von abgestorbenem Gewebe) ist im akuten Stadium strikt verboten, ebenso jeder chirurgische Eingriff am Geschwür (vgl. Altmeyer, Bacharach-Buhles 2025; Maronese et al. 2022). Dieses Wissen muss im gesamten Behandlungsteam verankert sein.
Die Wundreinigung beschränkt sich auf schonende Methoden ohne scharfe Instrumente. Feuchte Wundversorgung bildet den Standard, wirkt allerdings nur zusammen mit einer systemischen Therapie (medikamentösen Behandlung, die den ganzen Körper betrifft). Wundauflagen allein reichen nicht aus.
Vakuumtherapie (Unterdruck-Wundbehandlung, auch NPWT) zeigt in Fallserien bei über vier Fünfteln der behandelten Patienten messbare Verbesserungen des Wundzustands (vgl. Maronese et al. 2022). Als ergänzende Methode ist sie sinnvoll, sofern die Immunsuppression (Unterdrückung der fehlgeleiteten Immunreaktion) parallel läuft. Hauttransplantationen kommen erst infrage, wenn die akute Krankheitsaktivität durch Immunsuppression zum Stillstand gebracht wurde.
Der Schweregrad bestimmt die Therapie. Leichte Verläufe werden mit topischen Kortisonpräparaten (direkt auf die Wunde aufgetragene Kortison-Salben) oder Tacrolimus (einem Wirkstoff, der das Immunsystem lokal bremst) behandelt. Bei schweren oder rasch fortschreitenden Verläufen ist eine systemische Therapie mit Kortikosteroiden (Kortison in Tablettenform oder per Infusion) oder Ciclosporin (einem Medikament zur Unterdrückung des Immunsystems) notwendig.
Nur rund die Hälfte der Patienten erreichte unter Standardtherapie in einer kontrollierten Studie innerhalb von sechs Monaten eine vollständige Abheilung (vgl. George, Deroide, Rustin 2019: 224–228). Das verdeutlicht, wie hartnäckig die Erkrankung verläuft. Rund ein Drittel erlebt zudem einen Rückfall, im Durchschnitt nach etwa anderthalb Jahren (vgl. Maronese et al. 2022). Deshalb wird die Therapie nach Abheilung über mehrere Monate schrittweise reduziert.
Quelle: Altmeyer, Bacharach-Buhles (2025)
Altmeyer, Peter, Bacharach-Buhles, Martina (2025): Pyoderma gangraenosum, in: Altmeyers Enzyklopädie – Fachbereich Dermatologie, [online] https://www.altmeyers.org/de/dermatology/pyoderma-gangraenosum-120984 [26.02.2026].
George, Christina, Deroide, Florence, Rustin, Malcolm (2019): Pyoderma gangrenosum – a guide to diagnosis and management, in: Clinical Medicine (London), Jg. 19, Nr. 3, S. 224–228, [online] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6542232/ [26.02.2026].
Maronese, Carlo Alberto, Pimentel, Matthew A., Li, May M., Genovese, Giovanni, Ortega-Loayza, Alex G., Marzano, Angelo Valerio (2022): Pyoderma Gangrenosum: An Updated Literature Review on Established and Emerging Pharmacological Treatments, in: American Journal of Clinical Dermatology, Jg. 23, Nr. 5, S. 615–634, [online] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9464730/ [26.02.2026].
Schmieder, Shawn J., Krishnamurthy, Karthik (2023): Pyoderma Gangrenosum, in: StatPearls [Internet], StatPearls Publishing, [online] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK482223/ [26.02.2026].
Dieser Artikel wurde auf Basis medizinischer Primärquellen erstellt und entspricht aktuellen wissenschaftlichen Standards.
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Veröffentlicht: 2026-04-02