
Beim Raynaud-Syndrom verkrampfen sich die kleinen Blutgefäße in Fingern oder Zehen anfallsartig. Fachsprachlich heißt dieser Vorgang Vasospasmus (Gefäßkrampf). Die Folge: Ein auffälliger dreiphasiger Farbwechsel. Zuerst wird die Haut blass, weil kein Blut mehr durchkommt. Dann verfärbt sie sich bläulich-violett durch Zyanose (Sauerstoffmangel im Gewebe). Sobald die Durchblutung zurückkehrt, rötet sich die Haut und schmerzt (vgl. Klein-Weigel et al. 2021). Knapp 6 von 100 Menschen in Deutschland sind betroffen. Das Raynaud-Syndrom ist damit in Deutschland weit verbreitet (vgl. Klein-Weigel et al. 2021).
Zwei Erscheinungsformen lassen sich unterscheiden. Die mit Abstand häufigere ist die primäre Form: Sie steckt hinter 80 bis 90 Prozent aller Fälle und tritt ohne erkennbare Grunderkrankung auf (vgl. Klein-Weigel et al. 2021). Junge Frauen zwischen 15 und 30 Jahren sind besonders oft betroffen, Frauen insgesamt etwa neunmal häufiger als Männer (vgl. Kretschmer 2022). In der Praxis wird Raynaud deshalb überwiegend bei jüngeren Patientinnen festgestellt. Familien mit mehreren Betroffenen deuten auf eine erbliche Veranlagung hin. Ermutigend: Bei rund zwei Dritteln lassen die Beschwerden der primären Form binnen sieben Jahren von selbst nach (vgl. Kretschmer 2022). Die Langzeitaussichten fallen damit günstig aus.
Anders die sekundäre Form. Sie betrifft die verbleibenden 10 bis 20 Prozent und geht auf eine bestehende Erkrankung zurück (vgl. Klein-Weigel et al. 2021). Häufig steckt eine Systemische Sklerose (Bindegewebserkrankung) dahinter, seltener Vaskulitiden (Gefäßentzündungen) oder Medikamentennebenwirkungen. Erste Beschwerden treten meist nach dem 40. Lebensjahr auf. Spontane Besserung bleibt bei dieser Form die Ausnahme.
Kälte und emotionaler Stress lösen die Anfälle aus. Schon geringe Temperaturschwankungen oder feuchte Luft genügen dafür (vgl. Sander 2023). Ein einzelner Anfall hält durchschnittlich 20 Minuten an, bei rund 60 Prozent der Betroffenen wiederholt er sich täglich (vgl. Klein-Weigel et al. 2021). Der Alltag wird dadurch spürbar beeinträchtigt.
Der Ablauf folgt einem festen Muster: Finger oder Zehen werden blass und kalt, färben sich bläulich, schließlich röten sie sich unter Schmerzen. Die primäre Form hinterlässt keine bleibenden Schäden. Bei der sekundären Form sieht es anders aus. Hier drohen Ulzerationen (offene Wunden) bis hin zu Nekrosen (Gewebsuntergang) an den Fingerkuppen (vgl. Jones/Howlett 2025).
Für Wundexperten wird das Raynaud-Syndrom relevant, wenn die sekundäre Form Gewebeschäden verursacht. An den Fingerkuppen bilden sich dann Ulzerationen, Fissuren (Hauteinrisse), Narben und Nekrosen (vgl. Kretschmer 2022). Solche Wunden schmerzen stark und infizieren sich leicht (vgl. Jones/Howlett 2025). Die Wundbehandlung wird dadurch erheblich erschwert.
Das Kernproblem: Die dauerhaft gestörte Durchblutung bremst die Wundheilung und steigert das Infektionsrisiko. Kälteschutz hat deshalb in der Therapie oberste Priorität (vgl. Klein-Weigel et al. 2021). Wärmeerhalt der betroffenen Finger und Zehen ist nicht bloß eine allgemeine Empfehlung, sondern Grundvoraussetzung für jede wirksame Wundbehandlung. Ohne enge Abstimmung mit den behandelnden Ärzten, vor allem Rheumatologen, gelingt das nicht.
Jones, William Schuyler und Jonathan G. Howlett (2025): Raynaud-Phänomen, in: MSD Manual Professional, Merck & Co., Inc., [online] https://www.msdmanuals.com/de/profi/herz-kreislauf-krankheiten/krankheiten-der-peripheren-arterien/raynaud-syndrom [27.02.2026].
Klein-Weigel, Peter, Oliver Sander, Simone Reinhold, Jessica Nielitz, Julia Steindl und Jutta G. Richter (2021): Raynaud’s Phenomenon, in: Deutsches Ärzteblatt International, Jg. 118, Nr. 16, S. 273–280, [online] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8287761/ [27.02.2026].
Kretschmer, Christian (2022): Raynaud-Syndrom, Vidal MMI Germany GmbH, [online] https://www.gelbe-liste.de/krankheiten/raynaud-syndrom [27.02.2026].
Sander, Oliver (2023): Das Raynaud-Syndrom, in: mobil (Mitgliedermagazin der Deutschen Rheuma-Liga), Ausgabe 4/2023, [online] https://www.rheuma-liga.de/rheuma/krankheitsbilder/raynaud-syndrom [27.02.2026].
Dieser Artikel wurde auf Basis medizinischer Primärquellen erstellt und entspricht aktuellen wissenschaftlichen Standards.
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Veröffentlicht: 2026-04-10