
Das Stemmer-Zeichen ist ein klinischer Test zur Erkennung eines Lymphödems (krankhafte Flüssigkeitsansammlung im Gewebe durch ein gestörtes Lymphsystem). Dabei versucht der Untersucher, die Haut an der Oberseite der zweiten oder dritten Zehe (alternativ am Finger) zwischen Daumen und Zeigefinger hochzuziehen. Gelingt das nicht, gilt das Stemmer-Zeichen als positiv und liefert einen starken Hinweis auf ein Lymphödem (vgl. Brauer 2021). Benannt ist der Test nach Robert Stemmer, der ihn 1976 beschrieb.
Der Test ist einfach. Der Untersucher greift die Haut auf der dorsalen Seite (Oberseite) an der Basis der zweiten oder dritten Zehe. Lässt sich eine kleine Hautfalte abheben, fällt das Ergebnis negativ aus. Ist die Haut dagegen so verdickt oder verhärtet, dass sich keine Falte bildet, gilt das Stemmer-Zeichen als positiv (vgl. Brauer 2021). Eine Fibrose (krankhafte Vermehrung von Bindegewebe) ist dafür verantwortlich: Sie versteift die Haut von innen heraus.
Ein positives Stemmer-Zeichen gilt als verlässlicher Beleg für ein bestehendes Lymphödem. Allerdings schließt ein negatives Ergebnis die Erkrankung nicht aus, gerade in frühen Stadien fällt der Test trotz vorhandenem Lymphödem oft noch negativ aus (vgl. Brauer 2021). Das macht die Interpretation des Befundes zur eigentlichen diagnostischen Herausforderung.
Die Verhärtung der Haut hat einen konkreten Grund. Lymphflüssigkeit staut sich. Diese chronische Stauung im Gewebe ist der Ausgangspunkt: Die eiweißreiche Flüssigkeit lagert mit der Zeit Proteine im umliegenden Gewebe ab.
Solche Ablagerungen lösen eine Fibrose aus: das Bindegewebe vermehrt sich krankhaft und verhärtet das umliegende Gewebe (vgl. Lymphologicum o.J.). Die Haut wird dicker, verliert ihre Elastizität und lässt sich irgendwann nicht mehr abheben. Ohne Behandlung des Lymphödems schreitet dieser Prozess stetig fort.
Die Stärke des Stemmer-Zeichens liegt in seiner Sensitivität (Empfindlichkeit): Es erkennt rund 9 von 10 tatsächlich bestehenden Lymphödemen (Sensitivität 92 Prozent) (vgl. Goss, Greene 2019). Wer ein positives Ergebnis hat, leidet mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich an einem Lymphödem.
Die Spezifität (Trennschärfe) fällt dagegen niedriger aus. Bei etwa 4 von 10 Patienten mit negativem Test liegt dennoch ein Lymphödem vor (vgl. Goss, Greene 2019). Besonders bei starkem Übergewicht treten falsch-positive Ergebnisse gehäuft auf, während bei schlanken Patienten im Stadium 1 falsch-negative Befunde vorkommen. Bei begründetem Verdacht trotz negativem Stemmer-Zeichen sollte daher eine Lymphszintigraphie (bildgebendes Verfahren zur Darstellung der Lymphgefäße) in Betracht gezogen werden (vgl. Goss, Greene 2019).
Für Wundexperten hat das Stemmer-Zeichen praktische Relevanz. Patienten mit einem Lymphödem tragen ein deutlich erhöhtes Risiko, chronische Wunden zu entwickeln oder bestehende Wunden schlechter zu heilen. Die dem Lymphödem zugrunde liegende Fibrose verschlechtert die Durchblutung und Nährstoffversorgung des Gewebes erheblich.
Ein positives Stemmer-Zeichen gibt Wundexperten einen direkten Hinweis darauf, dass neben der lokalen Wundbehandlung auch das Lymphödem mitversorgt werden muss. Die Wundversorgung allein genügt nicht, wenn chronische Stauung und Fibrose das Gewebe weiter schädigen. Eine enge Zusammenarbeit mit Lymphtherapeuten und Ärzten ist häufig nötig.
Gleichzeitig gilt: Ein negatives Stemmer-Zeichen schließt ein Lymphödem nicht aus (vgl. Brauer 2021). Wundexperten sollten bei entsprechendem klinischem Bild, etwa chronisch geschwollenen Beinen, auch bei negativem Befund eine weiterführende Abklärung anstoßen.
Das Stemmer-Zeichen ist kein eigenständiges Krankheitsbild. Die Kodierung erfolgt über das zugrunde liegende Lymphödem:
Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), ICD-10-GM Version 2026, [online] https://www.icd-code.de/icd/code/I89.0-.html [04.03.2026].
Brauer, W.J. (2021): Stemmer Sign Needs to be Recorded and Interpreted Correctly, in: Deutsches Ärzteblatt International, Jg. 118, Nr. 3, S. 39, [online] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8129060/ [04.03.2026].
Goss, J.A., Greene, A.K. (2019): Sensitivity and Specificity of the Stemmer Sign for Lymphedema: A Clinical Lymphoscintigraphic Study, in: Plastic and Reconstructive Surgery – Global Open, Jg. 7, Nr. 6, e2295, [online] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31624689/ [04.03.2026].
Lymphologicum (o.J.): Fibrose, [online] https://www.lymphologicum.de/patienten/lymphbibliothek/f/fibrose.html [04.03.2026].
Dieser Artikel wurde auf Basis medizinischer Primärquellen erstellt und entspricht aktuellen wissenschaftlichen Standards.
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Veröffentlicht: 2026-04-14