
Bei einer Unterminierung hat sich unter dem Wundrand ein Hohlraum gebildet. Die Haut liegt wie ein Dach darüber, Wundrand und Wundgrund berühren sich nicht mehr. Von außen ist dieser Befund kaum erkennbar. Trotzdem gehört er zu den Parametern, die bei jeder Wundbeurteilung aktiv gesucht und dokumentiert werden müssen. Denn unerkannt kann sich darunter eine Wundinfektion ausbreiten (vgl. Nagle et al. 2023).
Mehrere Vorgänge lösen Unterminierungen aus:
Auf Fotos sind verborgene Hohlräume nicht darstellbar (vgl. Protz 2017: 40). Deshalb braucht es eine manuelle Untersuchung. Mit sterilen Instrumenten tastet der Wundexperte unter den Wundrand. Skalierte Messsonde (Sonde mit Zentimetermarkierung), Pinzette oder Spülkatheter kommen dabei zum Einsatz.
Die Lage der Unterminierung wird nach der Uhrmethode erfasst. Die Position bei zwölf entspricht der Kopfrichtung, bei sechs der Fußrichtung. Gemessen wird immer die tiefste Ausdehnung des Hohlraums (vgl. Reinfarth 2021). So entsteht ein nachvollziehbarer Befund, der sich bei späteren Verbandwechseln vergleichen lässt.
Das wahre Ausmaß einer Wunde bleibt bei Unterminierung verborgen. Die Oberfläche wirkt verheilt, darunter besteht ein aktiver Infektionsherd fort. Keime finden dort feuchte, sauerstoffarme Bedingungen vor. Unkontrolliertes Bakterienwachstum kann die Folge sein.
Wundrandunterminierung zählt auch zu den sekundären Warnzeichen einer Wundinfektion. Bei Patienten mit Mangelernährung, geschwächtem Immunsystem oder Stoffwechselerkrankungen bleiben Rötung und Überwärmung als klassische Entzündungszeichen oft aus. Dann können Unterminierung, zähes Exsudat (Wundsekret) und auffälliger Geruch auf eine behandlungsbedürftige Wundinfektion hinweisen (vgl. Stürmer, Augustin 2023). Wer diese Zeichen nicht aktiv sucht, verpasst möglicherweise den richtigen Zeitpunkt.
Für die Versorgung unterminierter Bereiche gilt ein Grundsatz: Kein toter Raum darf bestehen bleiben. Der Hohlraum wird vollständig mit Cavity-Produkten (Verbandstoffe für Hohlräume) ausgefüllt, etwa Alginaten (Materialien auf Basis von Meeresalgen) oder Hydrofasern (stark saugende Fasern, die sich an die Wundform anpassen). Tiefe Befunde lassen sich mit NPWT (Negative-Pressure Wound Therapy, Unterdruck-Wundbehandlung) versorgen. Liegt abgestorbenes oder infiziertes Gewebe vor, steht zunächst ein Débridement (Abtragung nicht heilungsfähigen Gewebes) an.
Frühes Erkennen schützt am wirksamsten. Jeder Verbandwechsel sollte eine manuelle Prüfung auf Unterminierungen einschließen, nicht nur den Sichtbefund. Jeder Fund muss dokumentiert werden. “Was nicht dokumentiert ist, gilt als nicht gemacht” (Protz 2017: 40). Dieser Grundsatz hat sowohl haftungsrechtliche als auch therapeutische Konsequenzen.
Unterminierung ist ein Befundparameter ohne eigenständigen ICD-10-Code. Die Kodierung erfolgt über die jeweilige Grunddiagnose, beispielsweise:
Quelle: icd-code.de (o.J.): ICD-10-GM, [online] https://www.icd-code.de/icd/code/T89.0-.html [06.03.2026].
Nagle, Sean M.; Stevens, Kaitlyn A.; Wilbraham, Steven C. (2023): Wound Assessment, in: StatPearls [Internet], StatPearls Publishing, Treasure Island (FL), [online] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK482198/ [06.03.2026].
Protz, Kerstin (2017): Was gehört in die Wunddokumentation?, in: Die Schwester | Der Pfleger, Jg. 56, Nr. 9, S. 40, [online] https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/33059-was-gehoert-in-die-wunddokumentation [06.03.2026].
Stürmer, Ewa K.; Augustin, Matthias (2023): Schwer heilende und chronische Wunden: Mit komplexen Konzepten zur Abheilung, in: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 120, Nr. 27-28, Supplement Perspektiven Dermatologie 1/2023, DOI: 10.3238/PersDerma.2023.07.10.02, [online] https://www.aerzteblatt.de/archiv/232647/ [06.03.2026].
Reinfarth, Christin (2021): Wundverlaufsdokumentation, URGO Medical, [online] https://www.urgo.de/wunddokumentation/wundverlaufsdokumentation [06.03.2026].
Dieser Artikel wurde auf Basis medizinischer Primärquellen erstellt und entspricht aktuellen wissenschaftlichen Standards.
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Veröffentlicht: 2026-04-13